Orgelwerkstatt Rotenburg

Fünf Fragen an die Orgelbauer...



H.Noeske, H.Kozeluh, wie wird man eigentlich Orgelbauer?

Von frühester Jugend an war uns die Orgel ein außerodentlich beeindruckendes Instrument,
dem auch spielerisch bereits sehr früh unsere Liebe galt. So hatten wir beide schon in unserer Jugend feste Organistenstellen, die wir mit großer Begeisterung bis heute ausüben. Zusätzlich war bereits in unserer Kindheit eine gewisse handwerkliche Neigung der Grund dafür, dass wir uns für den Instru-
mentenbau interessierten. Der Orgelbau schien uns in seiner Vielfältigkeit ein idealer Beruf zu sein, und wir sind bis heute dankbar und glücklich, diese Tätigkeit ausüben zu dürfen. Auch nach dem Besuch der Orgelbaufachschule, der Wanderschaft durch verschiedene Orgelbaubetriebe und letztlich dem Abschluss der Meisterprüfung, stellt man fest, dass jedes zu restaurierende und neue Instrument immer wieder unerwartete Herausforderungen stellt, die ungewöhnliche Problemlösungen erfordern.

Bis heute sind in ganz Deutschland zahlreiche Restaurationen historisch wertvoller Orgeln und Neubauten in unserer Werkstatt entstanden, die durch die Begegnungen mit Fachleuten und Orgelliebhabern ständig zu neuen Aufträgen führen. Die beste Arbeitsplatzgarantie ist auch im Orgelbau eine hohe Qualifikation der Mitarbeiter. Dadurch, dass sich auch in Zeiten finanzieller Sparzwänge immer wieder Gemeinden finden, die durch eine große Orgelbegeisterung enorme
Mittel mobilisieren, um einen Orgelneubau oder eine Restauration zu realisieren, blicken wir sehr zuversichtlich in die Zukunft.

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Die Frage nach Musikalität und handwerklichem Geschick wird Ihnen sicher schon oft gestellt worden sein. Was muss man als Orgelbauer an Gaben und Fähigkeiten mitbringen?

Es genügt nicht, wenn man handwerkliches Geschick besitzt und sich gleichzeitig durch Musikalität auszeichnet. Diese Gaben bilden einen wichtigen Grundstock für unsere Arbeit. Um ein guter Orgelbauer werden zu können, muss man Gespür für Klang, Technik und Gestaltung besitzen.
Über Jahrhunderte waren Orgeln kunstvoll geschmückte Instrumente, die den Blick in oft schlicht gehaltenen Räumen auf sich zogen. Die letzten Jahrzehnte waren insbesondere bei uns in Deutschland bis auf wenige Ausnahmen in den verschiedensten architektonischen Bereichen
geprägt von erschreckender Rücksichtslosigkeit gegenüber vorhandener, in Jahrhunderten gewachsener Baugestaltung. Die alten Baumeister haben in allen Bereichen mit viel Einfühlungs-
vermögen ihre Bauwerke kunstvoll in die entsprechenden Zusammenhänge eingefügt.

Es gehörte früher zur Selbstverständlichkeit, Stilelemente vorhandener Architektur aufzunehmen und sie in einer Neugestaltung zu einer Einheit werden zu lassen. Diese Vorgehensweise entstand aus einer Grundeinstellung von Respekt und Demut. Eine solche Haltung müssen wir heute mühsam erlernen, wenn wir Lebensqualität nachhaltig schaffen wollen.

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Kann man all die Tätigkeiten, die das Orgelbauerhandwerk beinhaltet, überhaupt erlernen? Es sind doch eine Reihe von Berufen in ihrer Arbeit vereint…

Im Orgelbauerberuf gibt es eine große Anzahl von Betätigungsfeldern. Sie finden den Beruf der Holzverarbeitung genauso, wie den der künstlerischen Arbeit eines Bildhauers und Drechslers,
dazu die Metallverarbeitung bis hin zum Kunstschlosser. Für den technischen Bereich sind
Kenntnisse eines Feinmechanikers notwendig. Wesentliche Einblicke in den Maschinenbau und
in die Elektrotechnik sind Voraussetzung. Hinzu kommt die Lederverarbeitung. Letztlich bildet die architektonische und klangliche Gestaltung den Gipfel dieses Berufes. Dass ein Orgelbaumeister
sein Instrument auch angemessen spielen kann, ist selbstverständlich. Wie sonst könnte er seine Orgel richtig erfassen?

Natürlich reichen 3 ½ Lehrjahre nicht aus, um all diese Tätigkeiten zu beherrschen. Sehr wichtig ist es, über den Tellerrand hinauszuschauen, herausragende historische und neue Instrumente unseres Kulturkreises kennenzulernen und diese Erkenntnisse für sich persönlich zu verarbeiten. Zu all dem benötigt man eine ganze Reihe von praktischen Jahren.

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Wie wir sehen, ist eine Orgel aus Ihrer Werkstatt aus besten Materialien gebaut. Wie lange könnte, wenn wir von Krieg und sonstigen Katastrophen verschont bleiben, ein solches Instrument seinen Dienst tun?

Eine Orgel ist ein lebendiges „Wesen“, das Veränderungen und einer gewissen Alterung unterworfen ist. Neben der natürlichen Verschmutzung innerhalb von 25 bis 30 Jahren macht sich nach dieser Zeit auch eine Abnutzung verschiedener Filz- und Lederteile, die einer mechanischen Belastung ausgesetzt sind, bemerkbar. Die dann erforderlichen Reinigungs- und Reparaturarbeiten lassen sich mit einem relativ geringen Aufwand durchführen.

Wir sehen jedoch an vielen der erstklassig gebauten wertvollen historischen Orgeln, dass diese Instrumente Jahrhunderte überdauert haben, wenn sie nicht durch äußere negative Einflüsse zerstört worden sind. Dazu kann übrigens eine unsachgemäß bediente Heizung gehören.

Die Alten haben uns mit ihrem Verhältnis zur Natur gezeigt, was es heißen kann, Ressourcen zu schützen und mit natürlichen Materialien zu arbeiten. Mühevoll müssen wir uns wieder auf Nachhaltigkeit, Dauerhaftigkeit und die innere Schönheit der Dinge besinnen.

Wenn wir weiterhin das große Glück haben, vor Kriegen und großen Katastrophen bewahrt zu bleiben, können sich an unseren Instrumenten noch viele Generationen erfreuen und diese Orgeln zum Lob Gottes erklingen lassen.

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Wie sieht die Zukunft des Orgelbaus aus?

Solche Höhepunkte, wie sie von einigen früheren Orgelbauern erreicht wurden, hat unsere Zeit noch nicht wieder hervorgegebracht. Niemand hat jemals wieder das Niveau eines Arp Schnitger oder eines Silbermann erreicht. Kein Geigenbauer hat bisher die Qualität eines Stradivarius verwirklichen können. Damit müssen wir uns abfinden, ob wir wollen oder nicht. Es ist eine Illusion, wenn wir meinen, die Orgel noch einmal entdecken zu müssen.

Bedauerlich an der heutigen Situation ist, dass es einerseits immer mehr Informationen gibt und andererseits immer weniger fundamentale Kenntnisse der Sache. Die bereits angesprochene zunehmende Entfremdung von der Natur und ein damit einhergehender schleichender Verlust der
im Instrumentenbau so überaus wichtigen Eigenschaft der Intuition sind für die kunsthandwerkliche Herstellung von Musikinstrumenten nicht förderlich. Im Moment herrscht eine Übersättigung durch fremde und neue Dinge. Vieles dreht sich um Effekte, die leider nur von kurzer Dauer sind. Unsere Aufgabe ist es, der nächsten Generation Instrumente zu hinterlassen, die so „echt“ wie möglich sind. Junge Menschen, die wunderbar begeisterungsfähig sind, müssen an die Schönheit nachhaltig gefertigter Kunstwerke herangeführt werden.

Unser Privileg ist es, Dinge herzustellen, die einem hohen ästhetischen Anspruch verpflichtet sind. Ein Anspruch, den es gilt, aus einer vergangenen Zeit „herüber zu retten“ und in unserer Zeit in einen neuen Zusammenhang zu stellen. Der Orgelbau ist ein Tätigkeitsfeld, das gerade junge Menschen immer wieder fasziniert. So ist es in Zeiten, in denen so rücksichtslos und so wenig nachhaltig gebaut und gestaltet wird, wie in keiner baugeschichtlichen Epoche vor uns, überaus wichtig, einen Gegenpol zu schaffen; in einer Welt voller Elektronik und Kunststoffe jungen Menschen zu ermöglichen, ihren Sinn für Schönheit und Natürlichkeit wieder neu zu entdecken und sich zu befreien von den Zwängen der Medien und der Werbung.

So hat schon Gottfried Keller in seinen Gedanken beispielhaft zum Ausdruck gebracht, dass diese Denkweise keineswegs eine Weltfremdheit nach sich zieht, sondern immer ein modernes und zukunftsorientiertes Handeln: „Lasset uns am Alten, wenn es gut ist, halten. Neues schaffen jede Stund, aber aufgebaut auf altem Grund.“ -

Auf diesem Hintergrund blicken wir sehr zuversichtlich in die Zukunft, trotz kommender Veränderungen in kirchlichen und gesellschaftlichen Strukturen und damit verbundenen finanziellen Herausforder-
ungen. Der Wert und die Schönheit der Orgel und der Musik kann immer wieder aufs Neue begeistern und das Leben bereichern.

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